kompliziert: Unwörter, Umgangssprache und Jugendsprache

Das gesprochene Wort / Schriftsprache: oft zwei verschiedene Dinge...
                                                                                  ... und dann gibt es auch noch Unwörter: sehr verwirrend!

Seit unserem Juniheft 2024 haben wir jeden Monat eine Mundart-Ecke. Immer wieder bekommen wir Zuschriften, daß geschriebene Mundart schwer lesbar ist. Und tatsächlich ist nicht nur bei Mundart, sondern auch in der Hochsprache der Unterschied zwischen Hören und Lesen oft groß. Schon die Brüder Grimm haben in der Vorrede zu ihren Kinder- und Hausmärchen 1819 geschrieben: "Eine entschiedene Mundart haben wir gerne beibehalten. Hätte es überall geschehen können, so würde die Erzählung ohne Zweifel gewonnen haben. Es ist hier ein Fall, wo die erlangte Bildung, Feinheit und Kunst der Sprache zuschanden wird und man fühlt, daß eine geläuterte Schriftsprache, so gewandt sie in allem übrigen sein mag, heller und durchsichtiger, aber auch schmackloser geworden ist und nicht mehr so fest dem Kerne sich anschließt."

Schmackloser nannten die Grimms, übrigens die Begründer der Germanistik, die Schriftsprache. Vielleicht liegt es daran, daß Hochdeutsch kein "Heimatgefühl" vermittelt...
Unser Beispiel unten zeigt aber auch, daß die gefühlvolle Schreibweise in Mundart oft Zeit verlangt, bis man versteht was gemeint ist. Laut vorlesen hilft!

Lautertaldruck

Dann merkt man, daß mit "Das Gräisie" das Jugendwort des Jahres gemeint ist: "Das Crazy". Diese " "Allzweckwaffe der Sprachlosigkeit" (Tagesschau) ist eben genau das nicht: eine Allzweckwaffe der Sprachlosigkeit. Sondern vielmehr ein wichtiger Bestandteil der Jugendsprache, der einer Kommunikation dient, die wir Alten halt nicht verstehen.

Wir halten uns lieber an den Duden, obwohl der seit 1996 nicht mehr maßgeblich ist. Seit der letzten Rechtschreibreform (und deren gab es viele!) gilt, was der Rat für deutsche Rechtschreibung im »amtliche Regelwerk« vorgibt.
Ich dürfte also eigentlich mein heißgeliebtes ß nicht mehr verwenden und überall durch ss ersetzen. Darüber - und über einige andere Regeln - setze ich mich hinweg, zugunsten einer besseren Lesbarkeit.

Doch zurück zur Jugendsprache: die Gesellschaft für deutsche Sprache e. V. in Wiesbaden beim Deutschen Bundestag (GfdS) hat ein Quiz "Verstehst du Jugendsprache?" Auf der Internetseite https://was-ist-jugendsprache.de/ können Sie selbst schauen, ob Sie alles richtig zuordnen. Ich hatte fünf von zehn Punkten...
Das »Jugendwort des Jahres« wird seit 2008 ermittelt. Wörter, die vor allem von 10- bis 20-Jährigen verwendet werden und von ihnen erfunden wurden: das ist gelebte Spracherneuerung! Wörter wie cool, klasse und toll - oder noch früher knorke! - wurden einst von Jugendlichen erfunden und kamen danach in allgemeinen Sprachgebrauch. 
Es begann 2008 mit "Gammelfleischparty" (Ü-30-Party), Bildschirmbräune (Computerfreak-Blässe) und "unterhopft sein" (man müßte mal wieder ein Bier trinken). Ein Arschfax (2010 auf Platz 2) bezeichnet das Etikett, das hinten aus der Hose hängt. Der Smombie (2015) ist einer, der so auf sein Handy fixiert ist, daß er nichts anderes wahrnimmt (dann noch Kopfhörer auf und los in den Straßenverkehr!). Goofy (2023) bezeichnet eine tollpatschige Person oder Handlung - eben genau so wie der gute alte Disney-Goofy ist. 2024 kam Aura - ein Wort, das man eher im Esoterikbereich suchen würde.

Während Jugendliche "Wörter des Jahres" wählen, gibt es für Erwachsene "Unwörter". 1991 war das "ausländerfrei" (unglaublich, sooo lange schon aktuell!?) und ging in ähnlichem Stil weiter bis 2024: "biodeutsch" - wobei unklar ist, ob es sich dabei um rassereines Deutsch handelt oder um Lastenradfahrer, die zum Bioladen unterwegs sind... "Biodeutsch" scheint ein solch mächtiges Unwort zu sein, daß manche Medien es gleich für zwei Jahre - 2024 und 2025 - vorstellen. Es gibt auch ein Unwort des 20. Jahrhunderts: "Menschenmaterial" - und alle Welt spricht doch ständig ungestraft von "human ressources". Die Gesellschaft für deutsche Sprache e. V. hat nun auch das Unwort für 2025 ermittelt: es ist - wer hätte damit gerechnet - KI-Ära. Zur Auswahl stand noch Deal, Land gegen Frieden, Sondervermögen (der schönste Euphemismus für Schulden seit es Schokolade gibt), Wehrdienst-Lotto, Drohnisierung, Strafzölle, Wohlstandsverlust, klimamüde und Vertiktokung. "Stadtbild" ist nicht dabei...

Das Thema Künstliche Intelligenz (KI) beschäftigt uns - auch in den Durchblick-Heften - schon seit einigen Jahren. Zu befürchten ist, daß sich der Ausruf "die Geister die ich rief" bewahrheiten könnte. Künstliche Intelligenz ist zwar keine echte Intelligenz, sondern einfach immense Rechenleistung, aber sie muß durchaus nicht die drei Regeln der Robotik befolgen, denen zufolge kein Mensch durch Handlungen oder Nichthandlungen einer KI zu Schaden kommen darf. Da war Isaak Asimov etwas blauäugig, als er die Regeln 1942 formulierte. Mit den Geistern die ich rief ist übrigens nicht der Film mit Bill Murray (1988) gemeint, sondern der Zauberlehrling in Goethes Gedicht ("Die ich rief, die Geister Werd’ ich nun nicht los!" Man hätte also schon 1797 wissen können, daß man Erfindungen die man nicht beherrscht, besser nicht unbefugt nutzt. Wer eine Alexa oder Siri im Wohnzimmer hat, wer auf Informationen von Meta, Gemini oder Chat GPT vertraut, für den wird es eventuell ein böses Erwachen geben.

Doch dazu mehr in den nächsten Heften, wenn es in der Rubrik "das vorletzte Wort" um künstliche Intelligenz gehen wird. 

Die Begründung der GfdS zur Wahl zum Wort des Jahres für KI-Ära: "Die Künstliche Intelligenz (KI) ist aus dem Elfenbeinturm der wissenschaftlichen Forschung herausgetreten und hat die Mitte der Gesellschaft erreicht. Ob bei Recherchen im Internet, bei der Animation von Fotos oder bei der Erstellung von Texten: Immer mehr Menschen nutzen heutzutage Werkzeuge Künstlicher Intelligenz. Auch schon in den zurückliegenden Jahren war das Thema bei der Wahl der Wörter des Jahres erkennbar geworden: 2023 stand KI-Boom und 2024 generative Wende auf der Auswahlliste. Die Wende ist inzwischen vollzogen, der Boom hält unvermindert an. Aus Sicht der GfdS ist der Beginn einer Ära nicht zu verkennen – mit vielen Chancen, aber ebenso mit Risiken des Missbrauchs und eines Verlustes an eigenständigem, kritischem Denken, Sprechen und Schreiben. Zu erwarten ist somit auch, dass die flächendeckende Nutzung von KI sich auf die künftige Entwicklung der deutschen Sprache auswirken wird."

Marieta Hiller, im Dezember 2025

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